Mitte März dieses Jahres passierte etwas, das keiner je für möglich gehalten hätte: Nicht der Lockdown, der das gesamte Land, ja die halbe Welt fast zum Stillstand brachte. Nein, es passierte etwas viel Unglaublicheres: Die deutschen Krankenkassen reduzierten aus Angst vor dem Virus ihre umfassende Bürokratie. Dieses bürokratische Monster, welches sage und schreibe ein Fünftel der gesamten Gesundheitskosten in Deutschland verschlingt wurde erheblich eingeschränkt. Es fanden keine Hausbesuche durch MDK Mitarbeiter statt, Beratungsbesuche durch Pflegedienste waren nicht mehr nötig und selbst die heiligste Kuh, das Schlachtmesser der Krankenkassen schlechthin, um bei ambulanten Pflegedienste den bürokratischen Aufwand zu verdoppeln – die „Verordnung für häusliche Krankenpflege“ – wurde relativ unbeschwert durchgewunken. 

Kein Mensch weiß eigentlich so richtig, wozu diese Verordnung gut ist. Stellen Sie sich vor, Sie bekommen ein Medikamentenrezept von ihrem Hausarzt, gehen damit zur Apotheke und Sie bekommen das Medikament aber nicht, bevor die Kasse geprüft hat, ob Sie überhaupt dieses Medikament brauchen. Das Lieferdatum wäre dann so in ein oder zwei Wochen. So verhält es sich mit der „Verordnung für häusliche Krankenpflege“. Der Hausarzt ordnet auf einen rosaroten Vordruck an, welche Leistungen ein Pflegedienst bei einem Patienten erbringen soll. Das wäre soweit in Ordnung. Aber dann geht es richtig los: Erst muss der Patient unterschreiben, dass er die gleiche Meinung wie der Arzt hat, dann muss der Pflegedienst unterschreiben, dass er das genauso sieht und dann kommt der krönende Abschluss: Der Sachbearbeiter der Krankenkasse entscheidet dann, ob die Anordnung des Hausarztes seine Richtigkeit hat (MDK Prüfung). Erst wenn der Sachbearbeiter sein okay gibt, kann die Leistung erbracht und abgerechnet werden. Man braucht also nicht unbedingt Medizin zu studieren, um ein gewaltiges Wort bei der Therapie mitzureden. Meistens findet der Sachbearbeiter aber einen Formfehler- Kreuzchen irgendwo nicht gemacht, etc.- und das gesamte Procedere beginnt von vorne. Oder der Sachbearbeiter übergibt die ganze Sache an den Medizinischen Dienst der Kassen, kurz MDK. Dann müssen Unterlagen, Medikamentenpläne etc. geliefert werden. Alles für eine Leistung wie z.B. „Medikamentengabe“ für 3,50 €. Die häusliche Krankenpflege in Deutschland verbraucht ungefähr 1,5% der gesamten Gesundheitskosten, die Verwaltung der Kassen 20%. Wen wundert’s. Auch wir beschäftigen mittlerweile 2 Kollegen, die sich fast ausschließlich mit diesen Verordnungen plagen. 

Deutschland hat in den letzten Monaten schmerzlich gespürt, wie hoffnungslos abgeschlagen es bzgl. Digitalisierung ist. So ist es natürlich auch in diesem Fall. Die Verordnung, die nötigen Unterschriften, alles wird händisch erstellt. Auf den Leistungsnachweisen muss wöchentlich unterschrieben werden. Unsere Patienten lächeln mittlerweile gequält, wenn wir alle paar Tage wieder Unterschriften einfordern. Die Kassen selbst fordern seit 25 Jahren eine digitalisierte Abrechnung, verlangen aber gleichzeitig, dass zu jeder digitalen Abrechnung ein Leistungsnachweis und ein Begleitzettel mit der Post geschickt wird. „EDV zu Fuß“ möchte man sagen. 

Was will man bezwecken? Schutz vor Betrug kann es nicht sein. Denn Betrug gibt es überall, wo genügend kriminelle Energie vorhanden ist. Und jedes System kann mutwillig umgangen werden. Siehe Cum Ex Geschäfte der Deutschen Bank, siehe Abgasskandal und natürlich auch im medizinischen Bereich bei Laborärzten, Apotheken, Krankenkassen und natürlich auch Pflegediensten. Im Gegenteil: Betrüger lassen sich durch ein paar geforderte Unterschriften nicht abschrecken. Analoge Unterlagen sind immer leichter zu manipulieren als Digitale mit entsprechenden Zertifikaten. 

Wir brauchen eine umfassende digitale Reform, fast möchte man sagen, eine digitale Revolution, damit wieder vernünftige Arbeit vor Ort zu einem vernünftigen Preis geleistet werden kann. Ambulante Pflege sollte hauptsächlich vor Ort bei den Patienten stattfinden und nicht wie derzeit zu 50% im Büro. Solange hauptsächlich Bürokraten das Sagen haben, wird sich nichts ändern, denn Bürokratie schafft weitere Bürokratie. Das wussten schon die alten Römer. Was wir brauchen sind Gesundheitsexperten, die den Weg vorgeben. Jetzt wäre die richtige Zeit dafür. 

Übrigens: Der kurze Hoffnungsschimmer ist vorbei. Die Kassen haben ihren Bürokratiepanzer wieder „normalisiert“. Klar, alle hatten schon Angst, dass die Welt untergeht, weil eine Unterschrift fehlte. 

Günter Wagner

Pflegezentrale Zeitung Q3/2020 zum Download